Kevin und der Dino-Becher

Einen verregneten Ferientag in einem völlig überfüllten Indoor-Spielplatz zu verbringen, ist schon Strafe genug. Aber inkonsequente Eltern am Nebentisch sind die Hölle. Neulich hat es mich erwischt, denn der einzig freie Platz war neben Kevins Familie. Wer Kevin ist? Keine Ahnung. Aber so nannten seine Aufpasser den kleinen Terrorzwerg. Ist es heutzutage eigentlich völlig out, konsequent zu sein? Müssen wir unseren Kindern jeden Scheiß durchgehen lassen? Oder dürfen wir auch mal Taten sprechen lassen (Taten – nicht Ohrfreigen!!!)? Welche Strategie ist schädlicher für die kleinen Racker: konsequentes Handeln oder die leere Androhung von Strafen, die doch nicht folgen werden?

Kevin verlangte nach einem Dino-Becher – einem dieser völlig überteuerten Plastik-Dinger, die zwei Stunden nach dem Kauf in der Ecke landen und nie wieder angeschaut werden. Seine Mutter hatte wohl eine ähnlich hohe Meinung von dem Becher und sagte “Nein”. Dieses Wort muss der Kleine falsch verstanden haben. Oder er wusste bereits aus Erfahrung, dass das “Nein” seiner Eltern mit bestimmten Methoden durchaus verwandlungsfähig ist. Kevins Methode ist zugegebenermaßen etwas laut aber ich muss ihm Respekt zollen für die an Peinlichkeit kaum zu überbietende Bloßstellung seiner Eltern.

Phase 1: Kevin brüllt, schreit, tobt und jammert – immer im Wechsel mit den wütenden Bitten seiner Mutter, endlich damit aufzuhören. Phase 2: Da sie Kevin nicht ruhigstellen kann und es ihr hörbar unangenehm ist (“Kevin, sei jetzt endlich still. Die Leute schauen deinetwegen schon alle her!” Naja, wohl eher Deinetwegen, Mama!), bedient sie sich ihres letzten pädagogischen Strohhalms: “Kevin, ich zähle jetzt bis Drei. Wenn Du dann nicht aufhörst, gehen wir sofort nach Hause.” Ja, bitte, geht nach Hause!!! Dann kann ich endlich in Ruhe weiterlesen. Aber Kevin hört natürlich nicht auf zu schreien, denn er kennt Mamas Zählerei besser als ich. Mama fängt also an zu zählen: “Eins.” Kevin brüllt weiter. “Zwei.” Kevin tobt wie ein Wilder und verlangt nach seinem Dino-Becher. “Zweieinhalb.” Was? Zweieinhalb? Spinnst Du? Nach Zwei kommt Eins und schluss, ab, nach Hause. Und nun? Zweidreiviertel, oder was? Kevins Schreikrampf grenzt mittlerweile an einen medizinischen Notfall. “Kevin, ich meine es ernst.”  Kevin bekommt kaum noch Sauerstoff in seinen aufgebrachten Körper. Und nun, Mama? “Zweidreiviertel.” Wahnsinn! Sie hat tatsächlich Zweidreiviertel gesagt. Das ich das noch erleben darf. Phase 3: Auftritt Kevins Papa. Eine Erlösung, denn er erspart seiner Frau damit, auch noch Zweineunzehntel zu sagen. Und das hätte sie tun müssen, denn Drei hätte bedeutet, dass sie ihre Androhung wahr machen und gehen müsste. Und das wollte sie offentlichtlich nicht. Der Kleine schmeißt sich geübt in Papas Arme und weint sich nun gesittet und in angemessener Lautstärke an der starken Schulter aus. Schlau, der Kleine. Papa hat keine Chance, wenn er dem Heldenstatus bei seinem Sohn gerecht werden will.

Papa und Sohn gehen also einträchtig zur Bar und kaufen einen Dino-Becher. Kevin strahlt, die Eltern wirken erschöpft, aber glücklich – und ich komme ins Grübeln. Welchen emotionalen Stress tun sich die Beiden an? Und noch viel wichtiger: Was tun diese Eltern ihrem Kind an? Wie soll Kevin bei solch inkonsequentem Verhalten lernen, dass es Grenzen gibt. Dass “Nein” auch “Nein” bedeutet. Dass es nicht weh tut, wenn man nicht alles bekommt, was man sich wünscht. Ob sich Kevin als 30jähriger in der Betriebskantine laut brüllend auf den Boden schmeißt, weil er ein zweites Brötchen zur Currywurst möchte? Das werden wir leider nie erfahren – aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Denn der siegreiche Kevin und seine Eltern sind noch sehr lange in dem Indoor-Spielplatz geblieben und haben ihrem Sohn nicht nur den Dino-Becher und ein großes Eis gekauft sondern ihm auch noch eine große Portion Pommes mit Nuggets zum Abendbrot spendiert. So viel Krawall muss schließlich belohnt werden. Ich habe mir derweil zwei Aspirin gegönnt. Dieses Kevin-Erlebnis hat mir doch etwas Kopfschmerzen bereitet…

 

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